Zauber in der Manege
Unser Reporter Oskar Ontrop, 12, berichtet aus der Roncalli-Arena. Dort hat er ein echtes Zirkuskind getroffen.
Géraldine Philadelphia! Schon ihr Name klingt nach Popcorn und Akrobatik – nach Zirkus halt. Aber es ist kein Künstlername, so heißt sie wirklich. Und wahrscheinlich muss man mit so einem Namen einfach Zirkuskind sein. Wobei Géraldine 16 ist, also eigentlich kein richtiges Kind mehr.Géraldine hat einen kleinen Bruder, Justin (6), der auch schon Brücke, Handstand, Spagat und Salto kann, aber noch nicht im Zirkus auftritt. Und ihr Vater, Patrick Philadelphia, ist der stellvertretende Zirkusdirektor. Trotzdem war es Géraldines eigene Entscheidung, Artistin zu werden.
Bei ihrer Nummer jongliert sie mit mehreren verschieden großen silbernen Hula-Hoop-Reifen, balanciert sie auf der Stirn und schwingt sie um ihren Körper. Jetzt in Berlin hat sie ihren allerersten richtigen Auftritt beim Weihnachtszirkus-Programm im Circus Roncalli.
Als sie mir etwas davon zeigt, sieht es aus, als sei es das Einfachste der Welt. Leicht, locker und extrem lässig. Doch als ich es dann auch versuchen will, klappt gar nichts und die Reifen fliegen mir um die Ohren. Obwohl sie mir ein paar Tipps gibt, stelle ich mich wie der letzte Volldepp an. Aber Géraldine trainiert auch fast jeden Tag, immer vor oder nach den Aufführungen. Dann suchen sich alle Artisten irgendwo ein Plätzchen in der Manege und üben. Hartes Training und Disziplin sind ganz wichtig, um gut zu werden. „Aber Talent und Ausstrahlung muss man auch haben“, sagt sie. Und das hat sie auf jeden Fall.
Vor ihren Auftritten ist Géraldine aufgeregt, obwohl sie schon mit acht Jahren zum ersten Mal in der Manege stand. Ihrer Meinung nach wäre alles andere ein Zeichen dafür, dass man den Auftritt nicht ernst nimmt. Wenn ihr vor Publikum ein Reifen runterfällt, ärgert sie sich sehr darüber.
Zusammen mit zwei anderen Zirkuskindern macht Géraldine gerade online ihr Abitur. Im Internet gibt es ein Forum, in dem ihre Hausaufgaben stehen, und zweimal im Monat muss sie persönlich in der Schule in Dortmund erscheinen. Bis zur 10. Klasse gab es noch einen Lehrer, der mit dem Zirkus mitgereist ist und Géraldine und Lilli Paul, die 14-jährige Tochter von Zirkusdirektor Bernhard Paul, unterrichtet hat.
Neun Monate im Jahr ist der Circus Roncalli auf Tournee durch Deutschland und ein paar Nachbarländer. Die Zirkusfamilie wohnt in der Zeit in Wohnwagen, und zwar in richtig alten aus Holz. Seitdem Geraldine zwölf war, hat sie sogar ihren eigenen Wohnwagen. Das muss man sich wie ein Kinderzimmer auf Rädern vorstellen. Nachts alleine in so einem Wagen zu schlafen, stellte ich mir erst einmal etwas unheimlich vor. Aber es gibt den Nachtwächter Driss aus Marokko, der auf alle aufpasst. Er läuft zwar nicht mehr mit einer Öllampe rum, sondern mit einer dicken Stabtaschenlampe, aber er erfüllt immer noch den gleichen Zweck wie früher.„Am einen Morgen mit kreisenden Möwen über den Zirkuswagen und mit Blick auf die Kieler Förde, und am nächsten Morgen im Nebel vor dem Wiener Burgtheater aufzuwachen, das ist schon toll!“, findet auch die Pressesprecherin Angela Weller, die schon seit sieben Jahren Teil der Zirkusfamilie ist, obwohl sie das ursprünglich nur für ein halbes Jahr ausprobieren wollte. Früher ist man morgens immer im Wohnwagen aufgewacht und die Haare klebten an der eisigen Wagenwand fest, erzählt Eliana Paul, die Frau des Zirkusdirektors, die selbst aus einer alten Zirkusfamilie stammt, von früheren Zeiten. Da ist es heute doch ein bisschen luxuriöser.
