So schnell kann’s gehen
Nach einem Gegentor verlieren die Brasilianer die NervenZur Halbzeit des Viertelfinals zwischen Brasilien und den Niederlanden schien alles klar zu sein. Die Südamerikaner führten zwar nur mit 1-0, waren ihrem Gegner aber in allen Belangen überlegen. Sie waren schneller und zweikampfstärker, standen sicher in der Abwehr und waren in der Offensive immer gefährlich. So hätten sie nach 45 Minuten schon viel höher führen können.
Die Niederländer wirkten angesichts des starken Gegners total hilflos. Vom tollen Fußball, den diese Mannschaft spielen kann, war nichts zu sehen, die Defensive wackelte ständig, und auch sonst war kein Spielsystem erkennbar. Im Gegensatz zu den selbstbewussten Brasilianern wirkten die Spieler auffällig nervös.
Und so schien das Spiel eine Enttäuschung zu werden. Vorher war eine spannende Auseinandersetzung zweier Spitzenteams erwartet worden, aber davon war auf dem Platz wenig zu sehen. Zu überlegen waren die Brasilianer, zu schlecht die Niederländer. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, wann die Südamerikaner weitere Tore schießen würden.
Doch dann kam alles ganz anders. In der 53. Minute schlug Wesley Sneijder eine weite Flanke in den brasilianischen Strafraum, Torwart Julio Cesar verfehlte den Ball und Felipe Melo fälschte ihn ins eigene Tor ab. Viel getan hatten die Niederländer für das Tor nicht, vielmehr kam es durch eine Kombination aus Abwehrfehlern und Zufällen zustande.
Aber dieses eine Glückstor veränderte das Spiel – und die ganze Weltmeisterschaft – völlig. Die Brasilianer waren in den vorherigen Spielen und auch in den ersten 52 Minuten des Viertelfinals so überlegen aufgetreten, dass sie zu Recht als eindeutiger Favorit auf den Titel galten. Und nun verloren sie nach einem dummen Gegentor völlig die Nerven.
Das nutzten die Niederländer aus. Sie wurden selbst stärker und erzielten gegen die nun ziemlich konfuse brasilianische Abwehr schon in der 68. Minute das 2-1. Wesley Sneijder traf per Kopf. Dabei ist der nur 1,70 groß. Dass die als extrem stark geltende brasilianische Abwehr um die Weltklasseverteidiger Lucio, Juan und Maicon ausgerechnet dem kleinen Spielmacher von Inter Mailand ein Kopfballtor ermöglichte, zeigte, wie nervös die Südamerikaner mittlerweile waren.
Nach dem Führungstor des Gegners verloren sie endgültig die Beherrschung. Felipe Melo sah nur fünf Minuten später nach einem üblen Tritt gegen Arjen Robben die rote Karte. Mit zehn Mann drängten die Brasilianer in den verbliebenen Minuten auf den Ausgleich, waren aber zu hektisch und planlos, um noch die Wende zu schaffen. Stattdessen boten sich den Niederländern sogar zahlreiche Konterchancen. Und so schied der große Favorit am Ende völlig verdient aus – und wusste wahrscheinlich selbst nicht, wie das passieren konnte.
Jan Schröder
