Elf Spieler, aber kein Team
Frankreich steht vor dem frühen AusDie großen Tage des französischen Fußballs sind offenbar wirklich vorbei. Dabei hatte der Weltmeister von 1998 vor vier Jahren in Deutschland noch das WM-Finale erreicht. Gegen Italien unterlagen die Franzosen damals erst im Elfmeterschießen. Doch das war auch das letzte Spiel des großen Mittelfeldstrategen Zinedine Zidane, der das Spiel der Mannschaft jahrelang geprägt hatte.
Den konnte seither niemand ersetzen. Das ist nicht überraschend, war Zidane doch einer der besten Spieler aller Zeiten. Aber das erklärt nicht, warum Frankreich sich gestern beim 0-2 gegen Mexiko bis auf die Knochen blamiert hat. Immerhin spielen in der Mannschaft Top-Stars wie Franck Ribéry von Bayern München oder Florent Malouda und Nicolas Anelka, die gerade mit Chelsea die englische Liga gewonnen haben. Wie ihre Teamkollegen haben die häufig genug bewiesen, dass sie es viel besser können als gestern.
Aber auch die besten Einzelspieler sind darauf angewiesen, dass die Mannschaft funktioniert. Sie brauchen ein System, in dem einer weiß, was der andere tut, und müssen sich auf ihre Kollegen verlassen können. Und ein bisschen Einsatzwillen und Spielfreude wären auch nicht schlecht gewesen… Aber alle diese Elemente, die elf Spieler erst zu einer Mannschaft machen, fehlten den Franzosen völlig.
Da stellt sich natürlich die Frage: warum? Verantwortlich dafür, aus einzelnen Stars ein Team zu formen, ist natürlich der Trainer. Und an dem zweifeln die Franzosen schon seit Jahren. Zwar war Raymond Domenech bereits vor vier Jahren, als die Mannschaft Vizeweltmeister geworden war, im Amt, aber schon bei der letzten Europameisterschaft 2008 hatte Frankreich die Vorrunde nicht überstanden. Auch für die WM in Südafrika qualifizierte sie sich nur mit viel Glück. Vor allem die Art, wie der Trainer seine Mannschaft zusammenstellt, sorgt schon lange für Verwirrung. Einmal gab er sogar zu, Spieler nach ihren Sternzeichen auszuwählen. Außerdem hat er Lieblingsspieler, die immer dabei sein dürfen, selbst wenn sie im Verein schlechte Leistungen bringen. Andere, die besser drauf sind, bekommen von ihm oft ohne vernünftige Gründe keine Chance. Diese merkwürdige Art der Auswahl wurde auch von den Spielern kritisiert, die offen am Wissen ihres Trainers zweifelten.
Und nun hat Domenech mit seiner Wahl offenbar komplett daneben gelegen. Die Spieler, die gestern auf dem Platz standen, hatten jedenfalls keine Ahnung, wie sie zusammen spielen sollten – und offenbar auch keine große Lust dazu. So steht Frankreich nun vor dem Aus in der Vorrunde. Der Abschied von Raymond Domenech war schon vorher entschieden. Neuer Nationaltrainer soll nach der Weltmeisterschaft Laurent Blanc werden, einer der Spieler der Weltmeistermannschaft von 1998. Vielleicht kehrt mit ihm ja auch der Erfolg zurück.
Jan Schröder
