archiv suchen
Pin-

Schmucklos

Brasilien erarbeitet sich den Sieg

Brasilien? Ist das nicht die Mannschaft, die unbeschwerten und technisch brillanten Angriffsfußball spielt? Nein, bei dieser Weltmeisterschaft dürfte das anders sein. Das zeichnete sich schon gestern beim ersten Spiel des Teams gegen den krassen Außenseiter Nordkorea ab. Da mühten sich die Südamerikaner zum Sieg, sorgten aber kaum für Glanz.

Verantwortlich für diese Ausrichtung ist der Trainer. Carlos Dunga wirkte schon zu seiner Zeit als Spieler wenig brasilianisch. Er war ein unermüdlicher, zuverlässiger Arbeiter im defensiven Mittelfeld. Perfektioniert hat er sein Spiel in der Bundesliga. Hier stand er jahrelang für den VfB Stuttgart auf dem Platz. Deshalb – und natürlich aufgrund seiner Spielweise – bekam er in der Heimat den Spitznamen „der Deutsche“.

Dunga war auch Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft. Und in dieser Rolle sehr erfolgreich: 1994 gewann er mit dem Team den Weltmeistertitel. Das war für den brasilianischen Fußball ein entscheidendes Ereignis. Denn zuvor musste das Land, das sich für die größte Fußballnation überhaupt hält, seit 1970 auf einen WM-Sieg warten. In der Zwischenzeit hatte Brasilien zwar meist den schönsten Fußball gespielt und die trickreichsten Spieler auf den Platz geschickt – aber eben nicht gewonnen. Die Mannschaft von 1994 war dann für brasilianische Verhältnisse eine Neuerung: Das Team spielte defensiv und relativ unansehnlich, war aber am Ende trotz aller Kritik erfolgreich. Damit glich sie ihrem Kapitän Dunga.

Auch wenn diese Spielweise in Brasilien nicht sonderlich geschätzt wird, ist sie auch von der aktuellen Mannschaft zu erwarten. Den Kern des Teams bilden die drei erfahrenen Defensivspieler Lucio, Juan und Gilberto Silva, die alle nicht für ihre technischen Fertigkeiten bekannt sind. Wie Trainer Dunga entwickelten sich übrigens auch Juan und Lucio in der Bundesliga zu Weltklassespielern. Und so spielt Brasilien derzeit eher typisch deutsch - während die Deutschen am Sonntag teilweise wie Brasilianer wirkten.

Die Ausrichtung des Teams ist aber nicht nur dem Charakter des Trainers zu verdanken. Die Auswahl an spektakulären Offensivspielern ist im Land des schönen Angriffsfußballs im Moment ziemlich begrenzt. Ronaldinho nahm der Trainer aufgrund seiner schon seit Jahren schwachen Form gar nicht erst mit. Kaka, der einzige verblieben Weltstar unter den offensiven Spielern des Teams, soll das Spiel lenken, hatte aber zuletzt eine schwache Saison bei Real Madrid und war häufig verletzt. Und der elegante Stürmer Robinho, der dem Bild des trickreichen Brasilianers noch am ehesten entspricht, konnte sich trotz großer Erwartungen weder bei Real Madrid noch bei Manchester City durchsetzen. Zuletzt spielte er wieder in der heimischen Liga beim FC Santos, um sich für die WM in Form zu bringen.

Jan Schröder
Tagesspiegel Online