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Aufs Glatteis geführt

Übers Eis reiten? Für Islandpferde ist das kein Problem – sie sind aus ihrer Heimat noch ganz anderes gewöhnt.

Liebevoll streicht die 15-jährige Philine Dahms ihrem Pferd über das schwarze Winterfell, es schnauft kurz, und steht sonst geduldig in der klirrenden Kälte. Ihr Pferd heißt Svört, das bedeutet auf Isländisch „schwarz“, und misst knapp 1,30 Meter. Islandpferde, die manchmal auch Ponys genannt werden, sind zwar recht klein, aber trotzdem kräftig – und meist sehr genügsam. Andere Rassen würden auf dem Asphaltboden und in der ungewohnten Umgebung mit den vielen Menschen nervös werden, doch für Svört ist das kein Problem.

Philine selbst ist schon ein bisschen aufgeregt, denn gleich geht sie das erste Mal in diesem Jahr mit Svört auf die spiegelglatte Eisrennbahn in Berlin-Wilmersdorf. Es ist das Probetraining, denn am 13. März findet hier die Europameisterschaft für Islandpferde auf dem Eis statt. Philine wird ebenfalls teilnehmen – unter anderem in der Quadrille, das ist eine Art Tanzformation, die sie mit rund 20 anderen Reitern und Pferden zeigen wird. Gemeinsam haben sie die Quadrille auf dem brandenburgischen Lótushof einstudiert, wo Svört sonst steht und das Mädchen seine meiste Freizeit verbringt. Seit sie acht Jahre alt ist reitet Philine, und hat schon Jugendmeisterschaften gewonnen.

„Wer einmal auf einem Islandpferd geritten ist, kommt nicht mehr davon los“, sagt die 15-Jährige. Die Pferderasse ist sehr beliebt, weil die Tiere als gutmütig gelten und selbst für unerfahrene Reiter geeignet sind. Allein in Deutschland gibt es über 60000 Islandpferde, fast so viele wie in Island. An diesem frühen Abend in Berlin stehen rund dreißig Pferde und Reiter bereit, um sich aufs Glatteis zu wagen. Schon ihre Vorfahren überquerten in den langen Wintern Islands zugefrorene Flüsse und sogar Gletscher.

Die ausdauernden Pferde halfen den Wikingern vor über 1100 Jahren auch die Vulkaninsel im Norden Europas zu besiedeln. Damals gab es dort keine Wege oder Brücken, dafür aber neben Gletschern viele hohe Berge, abgelegene Fjorde und unendliche Weiten, die die Neuankömmlinge erkunden wollten. Die Siedler brachten die kleinwüchsigen Kraftpakete mit nach Island, sie waren eine Kreuzung aus germanischen und keltischen Ponys.

Die Pferde trugen die ganze Last – die Reiter, das Hab und Gut der Wikinger, die Handelsware und später sogar Treibholz. Das sind mächtige Holzstämme, die am Meer angespült wurden, und aus denen die Bewohner ihre Häuser bauten. Sogar bei Schneesturm brachten die Tiere ihre Reiter und Ware sicher ans Ziel. Man sagt, sie spüren, wo der Weg gut begehbar ist. Und so vertrauen bis heute viele blind ihren Islandpferden, die nicht nur mutig, sondern auch sozial und eigenständig sind. Im Sommer leben sie in ihrer Heimat halbwild in kleinen Herden.

Auch Philine kann sich blind auf Svört verlassen, mit dem sie in der Quadrille reitet. Bei der Europameisterschaft wird die 15-Jährige außerdem in der Eistöltprüfung antreten. Tölten ist eine eigene Gangart, die nur Wikingerponys beherrschen. Dabei läuft das Islandpferd fast erschütterungsfrei, das heißt der Reiter schaukelt nicht so hin und her wie beim Galopp. Das Tölten ist so bequem, dass man beim Ausritt nebenbei glatt eine Tasse Tee trinken könnte. Da Svört klein und nicht so schnell wie andere Islandpferde ist, leihen Vicky und Beggi Eggertsson, die Inhaber des Lótushofs, Philine für den Wettkampf das prächtige Ross Aðall.

Doch jetzt reitet Philine erst einmal mit ihrem kleinen Schatz Svört. Damit die Tiere auf der rutschigen Eisbahn Halt finden, hat man ihre Hufe mit spitzen Nägeln beschlagen. Die ersten beiden Schritte sind noch unsicher, doch dann läuft das Pferd mutig drauflos. Die lange Mähne weht im Wind ... trippel, trappel, trippel, trappel ... töltet Svört sicher und flink über die rutschige Bahn. „Auf dem Eis fühlt es sich fast an, als würden wir fliegen“, sagt Philine als sie vom Pferd steigt. „Den Tieren macht es so viel Spaß, sie sind wie befreit.“ Die 15-Jährige strahlt, und ist noch ein bisschen außer Atem. Auch Svört schnauft jetzt kräftig. So ruhig Islandpferde sonst meist sind, wer sie einmal laufen sieht, weiß wie temperamentvoll sie auch sein können.
Alva Gehrmann


Europameisterschaft Icehorse 2010

Wo sonst die Berliner mit ihren Schlittschuhen über die Eisbahn gleiten oder schliddern, findet am 12. und 13. März die Europameisterschaft für Islandpferde auf dem Eis statt. Mit dabei sind neben Philine und dem aktuellen Weltmeister Beggi Eggertsson noch rund 120 weitere Teilnehmer. Es gibt verschiedene Wettkampfprüfungen wie das Eistölten, den Eisviergang, Eisfünfgang und den Eisspeedpass, wo die Pferde zeigen können, wie schnell sie auf 100 Metern sind. Einige Pferde kommen direkt aus Island zur Europameisterschaft. Für sie ist es ein endgültiger Abschied von ihrer Heimat, denn einmal ausgereiste Islandpferde dürfen nie wieder zurück. Man hat Angst, dass die Tiere Krankheiten einschleppen könnten. Deshalb finden die Welt- und Europameisterschaften immer im Ausland statt – und so hat sich die Rasse seit den Wikingerzeiten kaum verändert.

Wo: Horst-Dohm-Eisstadion, Fritz-Wildung-Straße 9 in Berlin-Wilmersdorf
Wann: Freitag, 12. März von 14 bis 18 Uhr Training und Vorstellung der Pferde Samstag, 13. März von 10 bis 17 Uhr Vorentscheide, ab 19.30 beginnt das Finale.
Mehr Infos unter www.icehorse2010.de

Fotos von Uwe Steinert
Tagesspiegel Online