Olympia bei den Eisbären
Gerade laufen in Vancouver die Olympischen Winterspiele 2010. Was für ein Land ist Kanada?Als mir zum ersten Mal in freier Wildbahn ein Eisbär gegenübersteht, bin ich von seinem Anblick so ergriffen, dass ich ganz vergesse, Angst zu haben. Ich schaue in seine runden, schwarzen Augen und bewundere seinen dichten Pelz. Der Bär, dessen Kopf nicht mal einen halben Meter von meinem entfernt ist, schaut mich neugierig an, macht aber keine Anstalten, mich zu fressen.
Dabei hatten die kanadischen Wildhüter uns gewarnt: Bloß nicht zu nah rangehen – das kann tödlich enden! Aber darum brauchen sie sich bei diesem Bären keine Sorgen zu machen. Vor allem, weil ich gut geschützt bin. Mit einer Gruppe von Eisbärenfans sitze ich in einem Bus, mit dem wir in ein Naturschutzgebiet in Nordkanada gefahren sind.
Atemberaubende Natur, seltene Wildtiere – so sieht das Kanada aus, von dem ich früher geträumt habe. Mittlerweile war ich oft dort und habe mit meiner Frau, die aus Kanada stammt, auch mal ein Jahr da gelebt. Meine Erwartungen stimmten – und zugleich ist Kanada auch ganz anders, als ich gedacht hatte.
Kanada ist das zweitgrößte Land der Erde, es gibt dort unendliche Wälder, praktisch unbewohnte Prärie- und Steppenlandschaften und fast bis zum Nordpol reichende Eisregionen. Ganz oben leben vor allem Eskimos, die hier Inuit genannt werden. Doch in den Großstädten im Süden des Landes, vor allem in Vancouver, wo die Olympischen Winterspiele statt gefunden haben, ist von Wildnis nicht viel zu spüren. Mit etwas Glück sieht man mal einen Waschbären über die Straße huschen oder begegnet einem Schwarzbären.
Besonders viele Schwarzbären leben auf dem Grouse Mountain am nördlichen Stadtrand – dort fanden während der Olympischen Winterspiele Ski- und Snowboardwettkämpfe statt. Ansonsten ist Vancouver eine ziemlich normale nordamerikanische Großstadt mit vielen Wolkenkratzern im Zentrum und Menschen, die aus allen Erdteilen stammen. Hier und in Toronto hat jeder zweite Schüler Eltern, die ihre alte Heimat verlassen haben, um in Kanada zu leben.
Auf der kanadischen Flagge erinnert das Ahornblatt daran, welche Bedeutung die Natur und die Wälder für die Besiedelung des Landes hatten. Den allerwichtigsten Grund, warum Kanada vor 200 Jahren von Europäern besiedelt wurde, sieht man aber, wenn man ein kanadisches Fünf-Cent-Stück in die Hand nimmt: Darauf ist ein Biber zu sehen. Dessen Pelze waren früher in Europa sehr begehrt, um Hüte und andere Kleidungsstücke zu machen.
Heute reisen die meisten Europäer wegen der Schönheit der Natur hierher. Sie bewundern die Berge im Westen und die großen Seelandschaften weiter östlich, wo man mit dem Kanu eine Woche lang durch die Wälder paddeln kann, ohne einen Menschen zu sehen. Das ist wunderschön – aber wenn man so viel Landschaft nicht gewohnt ist, kann man sich fast ein bisschen einsam fühlen.
Vielleicht liegt es an der Natur, dass sich die Kanadier im Alltag nicht so schnell stressen lassen. Auf den Autobahnen fahren sie viel langsamer als die Deutschen. Ich fahre langsam und genieße die Natur am Straßenrand, seit mir ein „Mountie“, wie die kanadischen Polizisten heißen, mal einen saftigen Strafzettel für zu schnelles Fahren verpasst hat.
Lars von Törne
In den meisten Teilen von Kanada ist der Winter länger und kälter als bei uns. Viele Kanadier treiben Wintersport. Auf dem Foto seht ihr eine Jugendmannschaft, die jedes Wochenende in Toronto trainiert. Wenn Profiteams spielen, ist das Eisstadion von Toronto bis auf den letzten Platz gefüllt.
Wie wichtig Wintersport ist, kann man auf dem kanadischen Fünf-Dollar-Schein sehen. Neben den Kindern auf Schlittschuhen und beim Rodeln steht ein Auszug aus einer Kurzgeschichte des kanadischen Autors Roch Carrier über seine Kindheit: „ (...) das wahre Leben spielte sich auf der Eislaufbahn ab.“
