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Keine Zeit zum Leben

Ben hat am Computer gespielt, Tag für Tag, stundenlang. Bis er krank wurde. Jetzt muss er überlegen, was ihm eigentlich noch Spaß machen könnte.

 Am liebsten spielt Ben am Computer. Morgens und abends – immer, wenn es geht. Bens Mutter fand das lange Zeit in Ordnung. „Ich musste nach der Scheidung von seinem Vater viel arbeiten, um genug Geld für die Miete, für Ben und seine zwei Geschwister zu verdienen. Ich war beruhigt, dass er am Computer spielte, weil ich wusste, dass ihm zu Hause nichts Schlimmes passieren kann.“

Vor drei Monaten ist Ben aber nach einem langen Tag am Computer bewusstlos geworden. Die Ärzte meinten, er schlafe zu wenig, weil er zu lange am Computer sitzt. Es gibt Menschen, die so gern am Computer ihre Zeit verbringen, dass sie nicht nur zu wenig schlafen, sondern sogar vergessen zu essen! Sie haben keine Zeit mehr für anderes, nicht einmal für ihre Freunde, ihre Familie, Schule oder Job. Ihre Gedanken kreisen nur noch um den Computer. „Wenn Ben nicht spielt, wird er hibbelig und läuft wie ein Tiger hin und her. Er ist dann schlecht gelaunt, und seine Hände zittern“, erzählt seine Mutter.

Die Wissenschaftler sind sich heute einig, dass Computer- und Videospiele süchtig machen können – genauso wie Alkohol und Zigaretten. Ob jemand abhängig wird, hat nichts mit seiner Intelligenz zu tun.

Als Ben noch klein war, spielte er, bevor er in den Kindergarten ging, mit seinem Gameboy, und zu Hause gleich wieder. Irgendwann in der ersten oder zweiten Klasse meldete er sich am Rechner seines Vaters für ein Rollenspiel im Internet an. Obwohl es erst ab zwölf freigegeben war, konnte er schon damals mit Leichtigkeit die Aufgaben im Spiel lösen. Heute ist er 15.

Ben sagt: „Wenn ich spiele, fühle ich mich glücklich und frei.“ Das stimmt, sagen Forscher: Wenn wir in einem Spiel gut sind, schüttet unser Gehirn Stoffe aus, die uns glücklich machen. Das entspannt uns, wir fühlen uns wohl. Unser Gehirn merkt sich, dass uns das Spielen gutgetan hat, deshalb spielen wir gern immer wieder.

Ben sagt auch: „Ich finde Computerspielen gut, weil ich so der Gewalt in der wirklichen Welt entfliehen kann.“ Das tun die meisten computerabhängigen Menschen: Sie setzen sich an den Computer, um ihren Kummer zu vergessen. Sie chatten, shoppen oder spielen stundenlang im Internet, Tag für Tag. Doch sie verlieren nach und nach ihre Freunde, ihre Familien, ihren Job oder bleiben wie Ben in der Schule sitzen.

Mit der Zeit merken sie, dass der Computer ihnen nicht nur guttut. Sie versuchen dann mit dem Spielen, Chatten oder Shoppen aufzuhören, doch das gelingt ihnen nicht mehr. Es gibt aber Beratungsstellen, die diesen Menschen helfen, vom Computer loszukommen und ihr eigenes Leben wieder zu mögen.

Ben geht zu so einer Stelle und spricht mit einem Psychologen darüber, was ihm außer dem Computer sonst noch Spaß machen könnte. Denn erst, wenn er das entdeckt, kann er sich auch über andere Dinge freuen und braucht seinen Computer nicht mehr so wie heute.

Was kann man tun, um nicht selbst computersüchtig zu werden? Die Wissenschaftler raten: Spielt am Computer oder mit der Spielkonsole nur dann, wenn ihr richtig Lust darauf habt – und nie, um schlechte Stimmung oder Stress zu vergessen. Wenn es euch mal nicht gut geht, sprecht mit euren Eltern oder Freunden darüber.

Trefft euch oft mit Freunden. Kinder sollten nicht länger als eine Stunde am Tag Computer- oder Videospiele spielen (Fernsehzeit mitgerechnet!). Und noch etwas: Computer, Spielkonsolen, Handys und Fernseher gehören ins Wohnzimmer und nicht ins Kinderzimmer. Das kann sogar schön sein, weil ihr dann eurer Familie zeigen könnt, wie gut ihr in eurem Spiel seid.

Temenuga Veleva
Tagesspiegel Online