Ab geht die Post!
Briefkasten, Postauto, Fließbänder: Welchen Weg legt ein Brief von Absender zu Empfänger zurück? Unsere Reporterin Karoline Jooss hat für uns ganz genau recherchiert.
Puh, manchmal ist das Leben als Brief wirklich nicht einfach. Gerade probiert mein Absender, mich noch irgendwie durch den Briefschlitz des gelben Postbriefkastens zu quetschen. Ich bin nämlich ein großer Brief, ein sogenannter Maxibrief, und dazu auch noch ziemlich vollgestopft, so dass ich schön dick bin. Durch den Briefschlitz habe ich es jetzt geschafft, und als ich in den dunklen Briefkasten rutsche, falle ich weich auf die vielen anderen Briefe.Nach langem Warten höre ich, wie jemand die Klappe unten am Briefkasten aufschließt. Wir Briefe fallen in eine gelbe Kiste. Ein Mann lädt uns in ein Postauto, und wir machen eine Rundfahrt. Bei jedem Briefkasten hält der Mann an und bringt eine neue Kiste voller Briefe zu uns ins Auto. Dann fahren wir zum Briefzentrum.
Das Briefzentrum ist eine riesige Halle voll lärmender Fließbänder und Maschinen. Alle Briefe und Postkarten aus dem Innenstadtbereich von Berlin werden hierher gebracht und nach ihren Zielorten sortiert. Unsere Kiste wird auf einen kleinen Wagen verladen, von einem Greifarm gepackt und vorsichtig auf ein Fließband gestellt. Wir Briefe rutschen in unserer Kiste nach hinten, weil das Fließband steil ansteigt. Fast alle Fließbänder hier – und das sind wirklich viele – verlaufen weit oben über den Köpfen der Menschen, die unten an den Maschinen arbeiten.
Kurze Zeit später wird unsere Kiste ausgeleert. Ich rutsche langsam auf einem Fließband nach unten zu den Menschen. Sofort werde ich gepackt und in eine andere Kiste geschmissen. In dieser Kiste sind nur Maxibriefe. Die kleinen Briefe fahren einfach weiter, direkt in die nächste Maschine, wo sie ohne menschliche Hilfe abgestempelt werden. Ich und alle anderen großen Briefe werden von einer freundlich aussehenden Postmitarbeiterin von Hand gestempelt.
Dann werden wir nach Postleitzahlen sortiert: Ein Mensch gibt die ersten beiden Ziffern in eine Maschine ein, ich werde automatisch gewogen und dann von einem Fließband zu einem viereckigen Holzteller gefahren. Der Teller weiß anscheinend, wo ich hinsoll, denn er fährt an einer ganzen Reihe von Postkisten vorbei und kippt mich dann einfach über einer bestimmten aus.
Als ich in der Kiste lande, merke ich, dass sie ganz schön voll ist. Prompt leuchtet ein Licht auf. Ein Mensch kommt und befestigt einen Infoträger, das ist eine kleine Karte, auf der mein Ziel-Briefzentrum steht, an meiner Kiste. Ich kann noch einen kurzen Blick auf die kleinen Briefe werfen, deren Anschriften von einer Maschine gelesen werden, die sie dann auch direkt sortiert. Dann wird meine Kiste auch schon wieder auf ein Fließband geschoben.
Von hier aus kann ich alle Kisten sehen. Egal, ob eine Kiste kleine oder große Briefe transportiert, sie läuft auf jeden Fall durch eine Lichtschranke, die erkennt, wohin jede Kiste muss. Als meine an der Reihe ist, werden wir kurz angehalten, damit die Maschine lesen kann, wo wir hinsollen. Alle Kisten, die dasselbe Ziel-Briefzentrum haben, kommen zusammen in einen Lkw. Wir fahren lange durch die Nacht, durch ganz Deutschland, bis zu unserem Ziel-Briefzentrum in Stuttgart.
Insgesamt gibt es 83 solcher Briefzentren in Deutschland. Andere Briefe fahren zur selben Zeit in einen anderen Teil des Landes, viele bleiben auch in Berlin und fahren nur den kurzen Weg zu ihrem Zustellstützpunkt. Alle Auslandsbriefe gehen nach Frankfurt und fliegen von dort aus in die ganze Welt. Im Stuttgarter Briefzentrum werden wir noch einmal sortiert, und ich werde zu meinem Zustellstützpunkt gefahren.
Was jetzt wohl mit mir passiert? Mir wird langsam langweilig. Ich muss hier wirklich ewig warten. Da endlich kommt der Postbote! Er fährt mich auf seinem Fahrrad zu dem Haus, zu dem ich soll. Gerade will er mich durch den Briefkastenschlitz quetschen, als ein kleines Mädchen angerannt kommt und aufgeregt fragt, ob er nicht einen Brief für sie hat. Und da gibt der Postbote ihr tatsächlich mich! Das Mädchen strahlt über das ganze Gesicht, und ich freue mich, dass ich jetzt jemandem eine Freude machen kann.Karoline Jooss, 16 Jahre
Fotos: Kitty Kleist-Heinrich, Kai-Uwe Heinrich (1)
