O du fröhliche
Eins ist in der Kirche auf jeden Fall toll: das gemeinsame Singen.Als ich klein war, bin ich wahnsinnig ungern in die Kirche gegangen. Obwohl, das stimmt nicht ganz. Hingegangen bin ich eigentlich sehr gerne. Bei Oma und Opa auf dem Dorf machte man sich fein und atmete tief durch, bevor man mit dem Gesangbuch in der Hand durch das dröhnende Glockengeläut marschierte. Das Feierliche am Kirchgang gefiel mir.
Meine Familie war katholisch, daher ging es in der Kirche recht prächtig zu. Der Pfarrer trug ein besticktes Gewand, ein Messdiener (damals durften das nur Jungs machen) schwenkte das Weihrauchfass, und die Marienstatue trug einen glänzend vergoldeten Umhang.
Nur leider – der Gottesdienst war unbeschreiblich langweilig. Stundenlang (so kam es mir jedenfalls vor) musste man zuhören, aufstehen, hinknien, wieder aufstehen. Gesungen wurde auch, aber zu wenig. Keinesfalls durfte man zappeln, sonst setzte es vernichtende Blicke und bei fortgesetzem Herumrutschen einen Rüffel vom Opa, der als ehemaliger Hauptlehrer Gehorsam erwartete. Puh!
Da haben es die Kinder, die heute in die Kirche gehen, meistens viel besser. Das Zappelverbot ist längst nicht mehr so streng wie früher, es gibt mehr Kindergottesdienste, und manchmal sind die auch richtig schön. Dann ist der Kirchgang am Heiligen Abend eine echte Alternative zum Fernsehen oder Zeit totschlagen.
Weihnachtsbaum, gutes Essen und Bescherung, das gehört alles zum Weihnachtsabend. Aber es kann auch sehr schön sein, am Nachmittag mit vielen anderen die frohen Erwartungen zu teilen, ein Krippenspiel zu sehen und vor allem gemeinsam Weihnachtslieder zu schmettern, dass sich das Kirchendach hebt. Man muss noch nicht mal fromm sein, um das toll zu finden!
Das Singen hat die Kirche übrigens auch für mich gerettet. Das große Ereignis dieses Jahres war, dass ich ganz ungeplant in einen Kirchenchor geraten bin und festgestellt habe: Singen ist das beste Mittel gegen Langeweile, Trauer, Schmerz und schlechte Laune. Versucht es mal! Ob zu Hause oder in der Kirche – einen besseren Tag als heute könnt ihr euch kaum aussuchen.
Susanna Nieder
