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Auf sie mit Gebrüll

Die Neuseeländer sind Rugby-Weltmeister. Wir waren im Poneke Club in Wellington beim Nachwuchs.

Beim Rugby geht es ganz schön zur Sache – da wird gerempelt, geschubst und gestoßen. Mit voller Leidenschaft kämpft auch der zehnjährige Tom immer um den eiförmigen Ball!

Seit fünf Jahren schon spielt er Rugby. Wir sind in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington, in der Heimat der amtierenden Rugby-Weltmeister. Vor zwei Jahren gewannen die Neuseeländer die letzte Meisterschaft. Rugby ist hier Nationalsport, und Rugby-Spieler sind so beliebt wie bei uns die Fußball-Nationalelf.

Auf den ersten Blick sieht das Feld auch wie ein Fußballplatz aus, nur dass das Tor ein riesiges, H-förmiges Stangengebilde ist. „Auch sonst sind die Regeln beim Rugby ganz anders“, erklärt Tom. Er trainiert an diesem Nachmittag mit seinen Freunden im Poneke Club.

Die Kinder sind zwischen neun und zwölf Jahre alt, Mädchen und Jungen spielen hier gemeinsam. „Wir alle müssen einen Zahnschutz tragen, das ist Pflicht“, sagt Tom in einer Pause und stopft sich dann wieder das dicke Plastikstück in den Mund. Es sieht schon lustig aus. Aber: „Die Kinder sollen sich ja nicht ihre Milchzähne ausschlagen“, scherzt der Trainer.

Dann zeigen die Kinder einige Rugby-Spielzüge. Der eierförmige Ball soll am Gegner vorbei getragen oder gekickt werden, dafür gibt es Punkte. Die Mannschaft besteht aus 15 Spielern, Punkte können sie auf unterschiedliche Weisen erzielen. Mal kickt man den Ball über das Tor, mal reicht es, mit damit ins gegnerische Feld zu kommen.

Die genauen Regeln sind kompliziert: Wenn der Ball zum Beispiel verbotenerweise nach vorne geworfen wurde, muss ein „scrum“ ausgeführt werden. Das englische Wort bedeutet Gedränge, und genau das ist es auch.

Tom und einige seiner Mitspieler klammern sich jetzt in gebückter Haltung aneinander, die Gegner machen das auch – und im nächsten Moment sind sie alle ineinander verkeilt. Es beginnt ein heftiges Hin- und Herschieben, wobei die Spieler versuchen, den Ball für das eigene Team zu gewinnen. Auch wenn es nur ein Training ist, geben die Rugby-Kinder alles. Es ist ein echtes Kräftemessen – und Tom mittendrin!

Der Zehnjährige ist kleiner als viele seiner Mitspieler, aber sehr flink. Er greift sich den Ball, und los geht es in Richtung Tor. Die anderen rennen hinterher. Tom gibt den Ball ab, und schon stürzt sich ein Gegner auf seinen Mitspieler: Sie umklammern ihn und versuchen, ihn zu Fall zu bringen. Das nennt man „tackle“. Die anderen folgen, und irgendwann knubbeln sich nur noch alle Kinder übereinander. Was für ein Durcheinander!

„Das Tackling ist einer der wichtigsten Gründe, warum ich überhaupt Rugby spiele“, sagt Sophie. „Ohne würde es keinen Spaß machen.“ Wenn es sein muss, zieht auch die Zehnjährige den Gegner mit voller Wucht zu Boden, wie es Profis machen. Trotzdem passen die Trainer natürlich auf, dass die Kinder sich nicht verletzen.

Die erwachsenen Spieler kommen oft mit Schrammen und Platzwunden in die Kabine. In einem Café treffen wir einen neuseeländischen Rugby-Star zum Interview: Cory Jane. Er ist 30 Jahre alt und gehört zu den All Blacks, so heißt das Nationalteam, das vor zwei Jahre n Weltmeister wurde. An seiner linken Oberlippe hat er an diesem Tag eine Wunde, die mit mehreren Stichen genäht werden musste. „Ach, das ist doch gar nichts“, sagt er, „das war nur ein kleiner Angriff“.

Bei Cory begann die Leidenschaft für den Sport sehr früh. „Als ich sechs Jahre alt war, sagte ich zum meinem Lehrer, dass ich ein All Black werde, wenn ich groß bin“, erzählt er. Sein Lehrer nahm ihn nicht ernst, doch heute ist Cory Jane einer der Helden Neuseelands. Rugby ist für ihn ein Kulturgut. Dazu gehört auch der Haka-Tanz, den das Nationalteam vor jedem Spiel aufführt, um den Gegner einzuschüchtern.

Auch wenn es beim Rugby manchmal rau zugeht, der Teamgeist spielt eine wichtige Rolle. Das lernen auch die Kinder im Poneke Club, die sich nach dem Training im Vereinsheim treffen. 130 Jahre alt ist der Club, an den Wänden hängen Fotos von der ersten Mannschaft aus dem Jahr 1883. Auch deren Trikots. Das Motto lautet: „Du spielst nicht nur, du gehörst auch zum Club“.

Sophie ist eins der wenigen Mädchen an diesem Tag. Sie spielt seit drei Jahren mit. „Beim Rugby musst du fit, schnell und stark sein,“ sagt sie. Eben trug sie noch ein rot-schwarz-gestreiftes Trikot, jetzt hat sie das offizielle Hemd der All Blacks an. Es ist ihr ein bisschen zu groß, aber da wird sie schon noch hineinwachsen.

20 All-Blacks-Spieler hat dieser Verein hervorgebracht. Vielleicht sind ja eines Tage auch einige aus diesem Team unter den zukünftigen Weltmeistern? 

Alva Gehrmann



Auf dem großen Bild oben seht ihr, wie es beim Rugby zur Sache geht. Das kleine Bild unten rechts zeigt den alten neuseeländischen Kriegstanz Haka (Fotos: All Blacks). Dioe zwei jungs mit Zahnschutz sind Joshua und Tom, der junge Mannist Cory Jane, die vier Kidner unten sind: Sophie, Tom, Joshua und Oscar (Fotos: Alva Gehrmann).

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